
Trotz der schmerzhaften Erinnerungen betreten Elias, seine Frau Hanan und ihre fünf Kinder erneut die Mar-Elias-Kirche in Damaskus. Sie wollen eine Kerze anzünden. Vor einem Jahr, am 22. Juni 2025, wurde die Kirche Ziel eines Selbstmordanschlags, bei dem 22 der 300 anwesenden Christen ums Leben kamen. Zu den Opfern gehören sieben Mitglieder der Familie von Elias: zwei Brüder, eine Schwester und weitere Verwandte.
Kaum ist die Kerze angezündet, hört man auf der Straße Hupen. Die fünf Kinder stürmen panisch nach draußen. Seit dem Anschlag vertragen sie keinen Lärm mehr. Dies ist übrigens das erste Mal, dass die Kinder seit dem tragischen Ereignis wieder die Kirche betreten. Zurück in ihrer Wohnung schaut die Familie sich wehmütig ein Video an. Es zeigt ihr jüngstes Kind vor einem Jahr, wie es kurz vor der tödlichen Explosion, die es überlebt hat, eine Kerze anzündet.
»Wir haben 14 Jahre Bürgerkrieg hinter uns«, erzählt Elias. »Aber ein Angriff auf eine Kirche ist beispiellos. Das ist ein Massaker.« Zuerst hörte Elias Schüsse, die immer heftiger wurden. Die Tür wurde weit aufgerissen. »Ein Terrorist schoss wild um sich.« Hanan suchte Schutz, indem sie sich zwischen zwei Stühlen kauerte. Zwei Brüder von Elias, Geryes und Boutros, sowie ein weiterer anwesender Christ, Milad, stürzten sich auf den Angreifer, um ihn zu Boden zu werfen. In diesem Moment sprengte sich der Selbstmordattentäter in die Luft. Bilanz: insgesamt 25 Tote und 63 Verletzte.
»Alle wurden Zeugen ihres Mutes und ihres Martyriums«, erzählt Elias, als er von seinen beiden Brüdern und Milad spricht. »Hätten sie nicht eingegriffen,hätte es viel mehr Opfer gegeben.« Indem sie den Angreifer zu Boden drückten, lenkten sie die Explosion nach unten und verringerten so deren tödliche Wirkung erheblich. »Sie sind zu unseren Vorbildern geworden. Wie Jesus Christus sagte, sollte uns nichts Angst machen. Jesus sagte, wir sollten ›diejenigen nicht fürchten, die den Leib töten‹ und danach nichts mehr tun können.« (Matthäus 10, 28)
Die Explosion hat Elias eine Oberschenkelarterie im Bein verletzt. Jemand legte ihm einen Druckverband an und brachte ihn sofort ins Krankenhaus. Währenddessen konnte Hanan keines ihrer fünf Kinder finden. Dann tauchten Teqla und Cristina wieder auf. Also betete Hanan: »Herr, lass mich wenigstens noch eines meiner Kinder wiederfinden. Ich werde mich damit zufriedengeben, nur noch eines zu finden.« Ibrahim tauchte auf, dann die Älteste, Elen. Ein kleines Mädchen mit blutüberströmtem Gesicht folgte Hanan. Ihr Haar war verbrannt, die Haut geschwollen. Sie konnte nicht mehr sehen. Da erkannte Hanan die Schuhe ihres fünften Kindes: Sarah.
Nach langen Krankenhausaufenthalten und mehreren Operationen, unter anderem im Libanon, hat Sarah das Sehvermögen auf einem Auge wiedererlangt. Elias hat seine Blutung überlebt und die Funktion seines Beines mit der durchtrennten Arterie wiedererlangt. Er hat jedoch eine riesige Narbe mit sichtbaren Klammern und bewegt sich auf Krücken fort.
Angesichts der Umstände erwägen Elias und Hanan, Syrien zu verlassen. Islamisten patrouillieren in den christlichen Vierteln, um die Menschen zum Islam zu bekehren. Elias und Hanan leben in ständiger Angst, jeden Moment aus ihrem Zuhause vertrieben zu werden. »Zum Wohle unserer Kinder glauben wir nicht, dass wir hierbleiben werden. Doch wenn es Gottes Wille ist, werden wir bleiben. Sein Wille soll geschehen!«
Und solange sie noch in Syrien sind, weigern sich Elias und Hanan, sich der Angst zu beugen, und gehen weiterhin in die Kirche. Innerhalb eines Jahres gab es in der Mar-Elias-Gemeinde 22 Taufen – fast genauso viele wie Todesfälle. »Wir sind fest im Glauben verwurzelt. Wir blicken nach vorne. Jesus hat gesagt: ›Auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen‹. Unser Glaube ist auf einem Felsen gebaut, nicht auf Seifenblasen!« Abschließend sagt er: »Wir leben im Glauben, und wir werden in diesem Glauben sterben.«
* Name aus Sicherheitsgründen geändert
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