
»Du hast Frieden, wo du eigentlich keinen Frieden spüren solltest. Du hast Hoffnung, wo es eigentlich keine Hoffnung gibt.« So beschreibt Ebrahiem Al Sadig* die Lage der Christen im Sudan. Hier herrscht laut der UN die größte Flüchtlingskrise der Welt. Immer wieder warnen UN-Vertreter davor, das Leid der Sudanesen drohe von anderen Konflikten und globalen Ereignissen überschattet zu werden. Wegen ihres Glaubens leidet die christliche Minderheit in dem streng muslimischen Land doppelt. Pastor Ebrahiem kennt ihre Situation und berichtet, was sie durchträgt.
Pastor Ebrahiem und seine Familie flohen 2023 kurz nach Beginn des Bürgerkriegs aus dem Sudan. Mittlerweile sind rund 16 Millionen Menschen innerhalb des Landes oder in Nachbarländer geflohen – in keinem anderen Land ist der Anteil der Geflüchteten so groß. Unter ihnen sind auch einige Christen. Regelmäßig reist Pastor Ebrahiem in verschiedene Gebiete, um sie zu treffen.
Oftmals finden sie sich in Vertriebenenlagern außerhalb des Sudans zusammen und gründen dort informelle Gemeinden; andere schließen sich bestehenden Kirchen an. »Wenn du zu den Kirchen gehst, siehst du wie die Menschen leiden, aber sie singen Gott noch immer Loblieder. Die Kirche ist der einzige Ort, wo sie jubeln und gleichzeitig Frieden spüren«, sagt Pastor Ebrahiem.
Im Sudan selbst sieht es meist anders aus: Viele treffen sich aus Angst nicht mehr zum Gottesdienst. Kirchen werden geschlossen, enteignet, als Militärstützpunkte besetzt oder bombardiert. Christen werden wiederholt von den Auswirkungen des Krieges getroffen – teils zufällig, teils sehr gezielt. Denn sowohl die sudanesische Armee als auch die Rebellenmiliz RSF vertreten eine extreme Auslegung des Islams. Auch weite Teile der Gesellschaft einschließlich der Regierung sind überzeugt, dass alle Sudanesen Muslime sein sollten. Wer sich zu Jesus bekennt, muss mit Verhaftung und gezielten Angriffen durch militante Islamisten rechnen. »Anderen von Jesus zu erzählen, ist hochgefährlich«, sagt Pastor Ebrahiem. »Du könntest schnell als Gegner der Regierung abgestempelt werden. Bereits ein unbedachter Schritt hat weitreichende Folgen.«
Christliche Männer im wehrfähigen Alter stehen vor einem weiteren Dilemma: »Wenn sich junge Männer keiner Konfliktpartei anschließen wollen, werden sie als Verbündete der Gegenseite angesehen und kurzerhand umgebracht«, erklärt Pastor Ebrahiem. Schließen sie sich jedoch den Kämpfen an, so bleiben ihre Frauen zurück, die aufgrund ihres Glaubens an Jesus besonders schutzlos sind. Sexuelle Übergriffe sind an der Tagesordnung; für viele Frauen und Mädchen ist es fast unmöglich, sich davor zu schützen. »Als Christin hast du in der islamischen Ideologie keinerlei Rechte. Und jede Frau – selbst, wenn sie verheiratet ist – gilt als Kriegsbeute«, erklärt Pastor Ebrahiem. »Pastoren, die noch immer im Sudan leben, sind sehr frustriert, wenn sie die Christen so leiden sehen. Aber auch ihnen sind die Hände gebunden. Pastoren, die aus dem Sudan fliehen, fühlen sich hingegen schuldig, weil sie denken, dass sie ihre Gemeinde im Stich gelassen hätten«, sagt Pastor Ebrahiem. Auch in der humanitären Krise leiden Christen in besonderem Maße, denn aufgrund ihres Glaubens werden sie bei der Verteilung von Hilfsgütern häufig benachteiligt.
Wegen der schwierigen Situation in ihren Flüchtlingslagern kehren einige Christen in den Sudan zurück. »Sie kommen zurück, um mit denen, die hiergeblieben sind, die sudanesische Gemeinde wieder aufzubauen. Sie treffen sich in zerstörten Kirchen ohne Dach. Ich möchte sagen: Wir sind noch hier und werden unsere Kirchen nicht verlassen.« Er beschreibt, dass Jesus auf besondere Weise in den Herzen sudanesischer Christen wirkt: »Das Leiden befreit uns von jeder Abhängigkeit von Menschen, von irdischen Besitztümern und von Autoritäten. Der Krieg bringt uns näher zu Gott. Inmitten der Schwierigkeiten offenbart Jesus Wunder – er wirkt noch immer.«
* Name geändert
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